Speleo Alpin 2017

16. bis 24. September 2017   Gesäuse

Wenn sich im Wetterbericht Tief Thomas von links her in den Bildschirm schiebt scheidet sich die Spreu vom Weizen. Die Biwakvorbeitung für 15 Leute können wir uns allerdings auch in die Haare schmieren. Angestrengtes Beobachten der ZAMG Wetteranimation führt uns am Treffpunkt zur Erkenntnis, dass der Samstag im Gesäuse noch weitgehend trocken verlaufen sollte, und so starten wir fast wie geplant, wenn auch nur zu fünft ins Schneekar. Reinhard und E werden oben 2 x biwakieren, Andreas, Eckart und Johannes bestellen beim Kölbl zwei Zimmer und nächtliches Zimmerservice (Wurstbrote und Bier - das uns dann im Sektkübel bereitgestellt wird). Die Biwakgruppe startet mit der Vermessung von Schächten im Oberen Schneekar, die Übrigen beschäftigen sich bis spät am Abend vorwiegend mit den Randklüften des Schneekarschachtes XXII, dessen Einstiegsfirnfeld sich über mehrere Zehnermeter erstreckt. Dabei gelingt es uns in große Räume zwischen Fels und Firn/Eis vorzudringen. Andreas, der Eishöhlenfan flippt fast aus vor Begeisterung. Wir gelangen an die Kante eines riesigen, über 50m tiefen Schachtes. Wegen des ständigen Stein- und Eisfalls und der im triefenden Firn verkeilten Felsblöcke verzichten wir aber auf einen weiteren Abstieg. Als wir spätabends das Schneekar verlassen ist die (vermessene) Höhle vorerst um 196 m gewachsen. E und Reinhard vermessen im oberen Schneekar die Nr. 196 mit 36 m und zwei kleine neue Schachtln im Nahbereich. Ein dritter neu entdeckter schaut da schon interessanter aus, leider versagt der Disto im Sprühnebel des Einstiegsschachtes und wir werten es als Zeichen für die Umkehr. Beim Abstieg zum Biwak gesellt sich zum Nebel noch die Nacht und wir sind schließlich ganz froh, irgendwo weit unten die Lampen von Team 2 funkeln zu sehen.
\r\nAm verregneten Sonntag beschließt das Biwakteam – erstmal abzuwarten. Manchmal wird aus dem Regen doch Schnee – aber (noch) nicht so wirklich. Einstiegsschächte sind bei diesen Bedingungen mit dem Disto wohl nicht zu vermessen und irgendwann rücken wir trotz Nässe aus, um der nahegelegenen, noch unvermessenen Schuttschluckerhöhle ihre paar Meter Ganglänge abzutrotzen. Leider ist die Nässe drinnen nicht besser als draußen, trotzdem schaffen wir fast 60 m und zu allem Überfluss zwängt sich E noch durch eine ganze Reihe von engsten Versturzspalten, um schließlich bei Schacht Nr. XXII rauszukommen. Reinhard – dem Erfrierungstod nahe - verweigert eine Vermessung dieser elenden Verbindung. Der Schneekarschacht XXII ist nun bereits 286m lang. Nach ein paar Stunden im Schlafsack und motiviert durch ein kurzes Regenloch wird dann doch noch dem am Vortag entdeckten Schacht zu Leibe gerückt und bei offener Fortsetzung umgekehrt. Team 2 ruht sich nach ausgiebigem Arbeitsfrühstück (der neue dynamische Katasterwart lässt nicht locker: unbedingt muss Eckart jetzt Planentwürfe von den Kalkspitzen Korrekturlesen) zur Heßhütte hoch.
\r\nDer Montag ist ein eher niederschlagsfreier Tag, an dem Team 1 den neuen Schneekarschacht LXIV fertig vermisst – nicht ganz einfach: der letzte Schacht ist so eng, dass nur E sich durchzwicken kann (L 130 m) und Team 2 zwei Seitenstrecken im Seekarschacht XVI erklettert (L + 22m auf 1741m) und am Nachmittag den Roßkarschacht IV bis -120 einrichtet. Leichtsinnig denken wir, dass dieser Schacht auch bei schlechtester Witterung erreichbar ist, und ein gutes Ziel für die zweite Wochenhälfte nach den angekündigten Schneefällen darstellt. Abends kommt Christoph auf die Hütte.
\r\nAndreas, Christoph, Eckart und Hannes stapfen am Dienstag im anfangs bauchtief verwechteten Schnee zur Stadelalm-Eiskluft und manövrieren darin zum noch unerforschten Schlot vor der Übergossenen Alm. Nachdem uns am Montag schon Andreas seine Kletterkünste vorgezeigt hat, ist es nun eine wahre Freude Christoph zuzusehen, wie er mit entschlossener Leichtigkeit die wasserüberrieselte, senkrechte Schlotwand hochspreizt, sich oben in einen Körperriss windet, und schon nach kurzer Zeit oben Gehgelände vermeldet. Als wir zum Vermessen nachkommen, ist Andreas schon über die nächsten Sinterwände nach oben entschwunden, und bald darauf irren er und Christoph in einem Hängeversturzlabyrinth umher. Ab und zu guckt der der eine oder andere aus einem Loch in der Decke zu uns Vermessern herab und fragt uns, wo er sei, und ob er wieder zurückfände. Mit vorerst 52 Neulandmetern können wir für heute zufrieden sein. Beim Ausstieg aus der Höhle herrscht noch immer Schneetreiben, und auf der Hütte treffen wir Emanuel und Reinhard inmitten einer laut kreischenden Runde von Kartenspielerinnen an.
\r\nMittwoch: Während Hannes absteigen muss und mit schlechtem Bauchgefühl an seine Anreise zur Mathematikertagung in Obergurgl denkt (wegen der Sommerreifen und des Schnees, nicht wegen der Mathematik), marschieren die anderen wieder zur Eiskluft. Andreas und Eckart verbeißen sich in den gestern angestocherten Hängeversturz und holen dabei weitere 121 Neulandmeter heraus, ohne in diesem vermaledeiten Irrgarten irgendwo hin weiter zu gelangen. „Berg kaputt“ ist unsere nominative Rache. Den Knüller der Woche bringen aber Christoph, E und Reinhard: sie seilen sich im Hauptschacht ab und queren und pendeln in eine als Fragezeichen registrierte Seitenkluft. Wider erwarten geht´s hier mit bis 10 m Breite und 20 m Höhe bergan. Mancherorts müssen riesige Versturzblöcke umklettert werden. Irgendwann sind die Zeit und das Zeichenpapier zu Ende.
\r\nDas ergibt nochmal 168 Neulandmeter! Christoph und E müssen am Ende der Tour leider heim und steigen gleich ins Tal ab.
\r\nNach einem Hüttentag (am Donnerstag wird traditionell der Katasterarbeit gehuldigt), an dem Andreas heim ins Pustertal muss, aber dafür Wetti unverdrossen durch die Lehmsuhlen der Koderalmen und den anschließenden Schneesumpf auf die Hütte nachkommt, steigen wir am Freitag wieder in die Eiskluft, um im neuen Seitenteil des Hauptschachtes offene Fortsetzungen abzuarbeiten. Um weiter zu kommen, zeichnen Reinhard und Eckart wieder einmal parallel (also einer Grundriss und einer Längsschnitt). Am Ende verreiben wir uns wieder in einen auf 30 Höhenmeter beschliefbaren verwinkelten und versinterten Hängeversturz, in dem auch Kalzitkristalle zu bewundern sind („Romain Vila’s Kristallpalast“; vgl. HKM 5-6/2017, Friedhof der Gämsen). Immer verzweifelter fuchtelt Eckart darin mit dem Disto X umher, und Reinhards Grundrissblattl beginnt schon fast zu rauchen, bis es endlich hinter einem Block NICHT mehr weiter geht. Die Eiskluft erreicht am Ende dieser Tour fast 3,5 km Ganglänge. Da es spätabends noch immer keinen Namen für den neuen großen Teil in der Eiskluft gibt, beschließen wir, ihn nach der nächsten Flasche Wein zu benennen. Reini Reichenfelser empfiehlt uns dann aus seiner Schatzkiste einen "Edelgrund" vom Weingut Wendelin, und damit ist ein würdiger Name gefunden.
\r\nErnüchterung folgt dann am endlich wieder sonnigen Samstag, als wir um dem Roßschweif ins Roßkar biegen, um die Seile aus dem Roßkarschacht IV zu holen: Die Karrenplatten und alle Schachtöffnungen liegen unter einer dicken, geschlossenen Schneedecke! Es ist schnell beschlossen, dass wir in diesen Steilhangsumpf nicht hineinsteigen, und mehr aus Fadess denn aus geplanter Absicht besuchen wir ein von der Hüttenterrasse aus sichtbares Portal in der Hangschuttbrekzie des Zinödl-Westhangs. Die Kasperliade für die Hüttengäste bringt ein 14m langes Objekt, und mit dieser „Tüchtig-tüchtig-Höhle“ beschließen wir die Forschungen für diese Woche, bzw. beschließt Wetti zukünftig auch die Wiener U-Bahn im Schlaz zu frequentieren, da diese Kleidung von Passanten mit Aufmerksamkeit und Anerkennung bedacht wird.
\r\nAbseits des Höhlerierens muss an dieser Stelle noch vermeldet werden, dass die Hüttengams Herbert leider verschieden ist. An seiner statt weidet nun ein überaus kapitaler Bock die Vogelbeersträucher um die Heßhütte ab. Romain ist gefunden, aber Herbert ist tot.
\r\nTrotz der ungünstigsten Witterungsbedingungen aller Zeiten war unsere Forschungswoche sehr erfolgreich: zusammen haben wir nach erster Hochrechnung über einen Kilometer Neuland erforscht. Ein fabelhaftes Team!
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Mit dabei: Reinhard Fischer, Eckart Herrmann, Christoph Moser, Andreas Treyer, Johannes Wallner, Barbara Wielander, Emanuel Zeindlinger
Vermessen: 1049 m

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Bleiben sie nicht stehen! Steigen sie keinesfalls aus! F: Reinhard Fischer
Bleiben sie nicht stehen! Steigen sie keinesfalls aus! F: Reinhard Fischer
Eishöhlenfan Andreas flippt im Schneekarschacht XXII fast aus vor Begeisterung. F. Johannes Wallner
Eishöhlenfan Andreas flippt im Schneekarschacht XXII fast aus vor Begeisterung. F. Johannes Wallner
Durch große Räume kommen wir an einen über 50m tiefen Schacht. F. Johannes Wallner
Durch große Räume kommen wir an einen über 50m tiefen Schacht. F. Johannes Wallner
Biwakteam happy/true. F: Emanuel Zeindlinger
Biwakteam happy/true. F: Emanuel Zeindlinger
Andreas im Seekarschacht XVI. F:Johannes Wallner
Andreas im Seekarschacht XVI. F:Johannes Wallner
Christoph in der Stadelalm Eiskluft. F: Johannes Wallner
Christoph in der Stadelalm Eiskluft. F: Johannes Wallner
Eiskluft: heikle Querung zur Übergossenen Alm. Andreas schaut von unten zu. F: Johannes Wallner
Eiskluft: heikle Querung zur Übergossenen Alm. Andreas schaut von unten zu. F: Johannes Wallner
Als wir vermessend nachkommen ist Andreas schon über Sinterwände entschwunden. F: Johannes Wallner
Als wir vermessend nachkommen ist Andreas schon über Sinterwände entschwunden. F: Johannes Wallner
There
There's a light, over at the blackest darkness! F. Johannes Wallner
Hüttenausblick am Donnerstag. F: Eckart Herrmann
Hüttenausblick am Donnerstag. F: Eckart Herrmann
Eine Hütte für uns. F: Eckart Herrmann
Eine Hütte für uns. F: Eckart Herrmann
Aus dem Eiskluft-Hauptschacht gehts querend in den Edelgrund. F: Eckart Herrmann
Aus dem Eiskluft-Hauptschacht gehts querend in den Edelgrund. F: Eckart Herrmann
Edelgrund. F: Eckart Herrmann
Edelgrund. F: Eckart Herrmann
Erschöpft von der Rage de Speleo. F: Eckart Herrmann
Erschöpft von der Rage de Speleo. F: Eckart Herrmann
Tüchtig, tüchtig! F: Reinhard Fischer
Tüchtig, tüchtig! F: Reinhard Fischer

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