Das Ötscherhöhlensystem

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Das Labyrinth

Das Ötscherhöhlensystem ist ein gewaltiges Labyrinth aus schrägen Klüften, quer durch den Berg ziehenden Tunnels mit bis zu 15 m Durchmesser, haarsträubenden Verstürzen und riesigen Hallen. Vier der fünf grössten Höhlenräume Niederösterreichs gehören zu diesem System, darunter der Melker Dom mit 110 m Länge, 70 m Breite und 45 m Höhe. Die vermessene Ganglänge beträgt mit Stand 1.5.1999 26.141 m, der Höhenunterschied 662 m. Die vier Eingänge liegen im Rauhen Kamm, einem Gratausläufer des Ötschers (1892 m) und wurden 1992 im Zuge einer dGPS-Kampagne zentimetergenau eingemessen.. Erst 1994 gelang der Zusammenschluß der beiden Riesenhöhlen Geldloch und Taubenloch zum eigentlichen Ötscherhöhlensystem. Gemeinsam mit dem knapp westlich gelegenen, derzeit 4057 m langen und 365 m tiefen Pfannloch, das mit seinen ebenfalls riesig dimensionierten Gängen noch auf den Zusammenschluß wartet, durchzieht das System die gesamte Osthälfte dieses markanten Berges Niederösterreichs.

Geldloch und Taubenloch sind seit Jahrhunderten bekannt, erste urkundliche Erwähnung finden sie 1592. Bereits damals wurden an die 800 m im Geldloch erkundet. Erste Skizzen stammen aus dem Jahre 1746. Am Anfang des 20. Jhdt. wurde erstmals den tiefen Schächten im Geldloch zu Leibe gerückt, einerseits von den zwei Brüdern Hamburger, andererseits, allerdings 20 Jahre später, von einer Großexpedition mit über 100 Teilnehmern. 1974 begannen im Geldloch die Forschungen, die den heutigen Vermessungsstandard begründen. 1993 fand die bis dato letzte Forschungsfahrt in das Geldloch statt, bei einem Ganglängenstand von knapp über 10 km.

Im Taubenloch wurde erst 1980 von Wolgang Fahrenberger ein Schlot in der bis dahin auf 219 m Länge vermessenen Höhle erklettert, welcher ihm den Zutritt zum Melker Dom verschaffte. In den folgenden 4 Jahren gelang es, einen Ganglängenstand von über 4 km zu erreichen. Die nächste Forschungsperiode setzte 1990 mit der Erkletterung einer Wandstufe ein, welche erneut in ausgedehntes Neuland führte. Bis zur Verbindung mit dem Geldloch konnte das Taubenloch so auf die stattliche Grösse von 13 km gepusht werden.


Das Geldloch

Prägend im oberen Bereich ist der bequem zu befahrende, grossräumige Hauptgang, welcher den gesamten Bergrücken durchzieht. In seinem hinteren Teil setzt das Schlotmonster an, wo man sich 130 m empor arbeitete, bis schliesslich der Zusammenschluß mit dem höchsten Eingang des Systems, dem Sisyphusloch (218 m über dem Haupteingang), gelang. Von der oberen Etage ist eine rund 300 m tiefe Schachtzone mit bis zu 80 m tiefen Direktabstiegen zu überwinden, um wieder in einen langen Horizontalteil mit angelagerten Labyrinthen zu gelangen. Dieser ist allerdings wesentlich mühsamer zu befahren, zumal für den Gangverlauf hauptsächlich enge Klüfte charakteristisch sind. Mehrere kurze Schachtabstiege sind zu bewältigen, um zum tiefsten Punkt des Geldlochs zu gelangen, 434 m unter dem Eingangsniveau. Von dort an wurden, zumeist in Schlotkletterei, wieder an die 100 Höhenmeter gewonnen. Forschungsendpunkt in diesem Tartaros getauften Teil war ein unausleuchtbar hoher Schlotraum mit Wasserfall.


Das Taubenloch

Der ähnlich dem Geldloch dimensionierte Haupt(ein)gang endet bald an einer Wand in einem großen Schlotraum. Dahinter befindet sich der 'Melker Dom', der grösste Höhlenraum Niederösterreichs. Der derzeit äusserst instabile Fledermausversturz, Schauplatz eines tödlichen Unfalls, leitet in die nächste Riesenhalle, dem Mitternachtsdom. Eine rund 250 m tiefe Schachtreihe (u.a. der 102 m tiefe Hermelinschacht) bringt den Forscher in grosszügig dimensionierte Klüfte und weiter zum tiefsten Punkt, dem feuchten Aquarium , 490 m unter dem Taubenlocheingang. Am nördlichen Ende des Mitternachtsdomes ist ein 96 m tiefer Schacht zugänglich, welcher Zutritt zu einem großräumigen Gangsystem verschafft, das u.a. auch durch eine Querung des Hermelinschachtes zugänglich ist. Von einer der in diesem überdimensionalen Labyrinth zahlreichen Hallen, dem Circus Maximus, ist über Kluftabstiege und einen anschliessenden winzigen Schluf ein riesiger Tunnel- und Hallenkomplex zugänglich. Im Mittelteil der durchschnitllich 8-10 m durchmessenden Tunnels, deren derzeitige Enpunkte rund 500 m Luftline weit auseinanderliegen, befindet sich die 60 m durchmessende Alzheimerhalle. Diese Abschnitte sind neben ihrer Ausdehnung vor allem durch ihren teilweise lebensbedrohenden Versturzcharakter ausgezeichnet. Im südöstlich gelegenen Rhinozerustunnel gelang es uns 1994, die Verbindung zum Geldloch herzustellen. Das Missing Link war ein 33 m tiefer Canyonschacht, welcher sich als der zuvor beschriebene Schlot im Tartaros entpuppte.